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Du bist schon wieder da?

Diesen Satz höre ich von euch am häufigsten seitdem ich wieder zurück in Deutschland bin. Und für mich fühlt es sich genauso an: Die letzten fünf Monate sind wirklich wahnsinnig schnell vergangen.

Neben dem überflüssigen Kommentar, dass ich kaum braun geworden bin (shut up!) fragen mich außerdem viele, ob mich meine Reise verändert hat.

Natürlich hat sie das. Aber wie?

Diese Weltreise war für mich nie der typische Selbstfindungstrip, wie für viele junge Leute nach dem Schulabschluss. Ich wusste auch schon vorher, dass ich während dieser Zeit keine plötzliche Erleuchtung haben werde. Ich habe auch nicht erwartet, dass ich in diesen Monaten heraus finde, wie mein Leben nach der Reise aussehen wird.

Diese Zeit war für mich eine Erfahrung, die ich immer schon machen wollte aber ständig vor mir hergeschoben habe. Schon während meiner Schulzeit wollte ich ein Austauschjahr machen, konnte es mir finanziell aber nicht leisten. Nach dem Abi habe ich mich schlichtweg nicht getraut: Mein Studium stand für mich an erster Stelle. Während des Studiums an einer privaten Uni gab es für mich keine Möglichkeit ins Ausland zu gehen. Danach wollte und musste ich zu allererst Geld verdienen. Und so ging es von einem Job in den nächsten, diese Spirale kennt ihr ja sicherlich selbst. 😉

Mit der Reise habe ich mir also einen dieser berühmten Lebensträume erfüllt.

Nach dieser Zeit merke ich, dass ich deutlich ruhiger geworden bin. Ich lasse mich nicht mehr so schnell von Dingen stressen, die ich nicht beeinflussen kann. Ich rege mich nicht mehr so schnell auf (außer natürlich beim Autofahren) und ich bin geduldiger geworden – mit mir und mit meiner Umwelt.

Ich merke auch, dass ich die Menschen in meiner Umgebung mit all ihren Macken viel mehr akzeptiere als vor der Reise. Dass ist der positive Effekt wenn man monatelang auf engstem Raum mit Fremden Zeit verbringt, die man sich nicht immer selbst aussucht.

Außerdem bin ich selbstbewusster geworden im Umgang mit der englischen Sprache. Bisher habe ich immer gedacht, mein Schulenglisch würde nicht ausreichen. Obwohl ich eine große Klappe habe, habe ich mich im Englischen oft zurück gehalten. In dieser Hinsicht traue ich mir nach der Reise viel mehr zu: Im Alltag englisch sprechen, telefonieren und sogar dumme Sprüche reißen ist jetzt kein Problem mehr! 😉

Mit meiner Reise wollte ich natürlich auch meine Grenzen neu ausloten. Nachdem ich lange krank geschrieben war, war es für mich wichtig herauszufinden, wie viel Power wieder in mir steckt. Jede Situation, die ich alleine gemeistert habe, hat mich gestärkt und jede sportliche Aktivität, die ich durchgehalten habe, sicherer gemacht. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich noch vor einigen Monaten kaum Energie zum Radfahren hatte.

Mit möglichst wenig Gepäck und wenig Luxus wollte ich mich außerdem einige Monate lang nur auf das Wesentliche konzentrieren. Ich habe andere Kulturen und Lebensweisen kennengelernt: reiche und arme. Dabei habe ich gemerkt, dass Reichtum nicht unbedingt gleichzusetzen ist mit Glück. Ich erinnere mich an Kinder in Kambodscha, die laut lachend vor einer einfachen Holzhütte ins dreckige Wasser des Flusses gesprungen sind. Viele meiner Luxusprobleme empfinde ich jetzt als völlig übertrieben.

In diesem Zusammenhang habe ich auch viele Dinge in Deutschland schätzen gelernt, die ich bisher für selbstverständlich gehalten habe. Zum Beispiel unsere ärztliche Versorgung. In deutschen Apotheken können wir uns immer auf gut ausgebildete Mitarbeiter verlassen – oft ersetzen sie sogar den Besuch beim Arzt. Mit meiner Mittelohrentzündung bin ich in vier Ländern in staatlichen Krankenhäusern, Arztpraxen und Apotheken gewesen: Nirgends war die ärztliche Kompetenz so hoch wie bei uns.

Zweieinhalb Monate bin ich ganz alleine gereist. Dabei habe ich eine Sache gelernt, vor der wir alle verständlicherweise Angst haben: Mit mir und meinen Gedanken alleine zu sein. Ich habe gelernt fremde Menschen anzusprechen, sie nach Hilfe zu fragen und öffentlich Fehler zu machen. Etwas, das ich vor meiner Reise nicht konnte – denn ich wollte nach außen hin immer perfekt sein.

Der Flug im September nach Bangkok war außerdem mein erster Langstreckenflug. Seit meiner Kindheit war ich erst vier Mal geflogen. Ich hatte zwar keine wirkliche Flugangst, aber jeder Ruckler und jedes Geräusch hat in mir ein ungutes Gefühl ausgelöst. An Schlaf über den Wolken war gar nicht zu denken. Während meiner Reise habe ich dann eine Strecke von fast 39.000 Kilometern per Flugzeug zurück gelegt. Und das meistens mit asiatischen Billig-Airlines, die in Europa nicht starten oder landen dürften (worauf ich nicht unbedingt stolz bin). Nach diesen Flügen bin ich mittlerweile sogar richtig gerne über den Wolken unterwegs und schlafe in Flugzeugen tief und fest.

Das aller wichtigste, was ich auf meiner Reise gelernt habe, kommt aber zum Schluss: Ich kann jetzt ohne schlechtes Gewissen Geld ausgeben. 😉

Was im ersten Moment lustig klingt meine ich ernst. Ich hatte zuerst große Schwierigkeiten damit. Vielleicht kennt das der eine oder andere von euch auch: Wir Deutschen haben ein unglaublich hohes Sicherheitsbedürfnis. Wir legen gerne gleich einige tausend Notgroschen auf die Seite. Auch wenn ich mit einem bestimmten Budget gereist bin ist es mir zunächst sehr schwer gefallen, mir etwas für das Geld zu leisten. Selbst im günstigen Asien musste ich meinen inneren Sparfuchs oft überwinden.

Den ersten Schnaps brauchte ich aber erst, als ich in Australien zum ersten Mal drei Buchungen gleichzeitig bezahlt habe: Das waren über 1.200 Dollar. Jeder einzelne hat sich gelohnt und war im Budget fest eingeplant. Trotzdem hat es ein mulmiges Gefühl in meiner sensiblen Sparer-Seele ausgelöst. Am Ende meiner Reise habe ich dagegen nicht mal mehr mit der Wimper gezuckt, wenn ich die Kreditkarte gezückt habe! 😉

Bei diesen Thema tickt jeder anders und muss es so machen, wie er sich wohl fühlt. Ich persönlich finde meine Entwicklung im Umgang mit Geld gut. Denn auch in Deutschland gönne ich mir jetzt öfter mal etwas Schönes ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Geld ist ja schließlich zum Ausgeben da, oder? 😉

3 Kommentare

  1. Ich finde es toll, dass du diese Erfahrungen gesammelt hast. Diese , wenn auch alleine durchgeführte, Erlebnisreise wird dir keiner mehr nehmen können. Das was du selber mit eigenen Augen gesehen hast und mit deinem eigenen Körper gespürt hast wirst du einigen Tages ( ich hoffe erst in 150 Jahren ) mitnehmen könne. Das dann ersparte oder angehäufte Vermögen wird hier bleiben müssen und es erfreuen sich u.U.andere daran.
    Auch uns hast du eine große Freude bereitet, indem du alles niedergeschrieben hast, so konnten wir jeden ( fast jeden ) Tag live miterleben und deine Aktivitäten verfolgen.
    Obwohl wir sehen konnten, dass es dir wunderbar geht sind wir nunmehr froh, dass du Gesund, ausgeglichen und frohen Muts in die Zukunft zu schauen zurück bist. Wir freuen uns schon jetzt auf ein persönliches Wiedersehen mit Dir.

    Ganz herzliche Grüße auf diesem Weg von Angelika und mir

    • Julia Meyer Julia Meyer

      Vielen lieben Dank für die tollen Worte. Ich habe mich gefreut, dass so viele Menschen an meinen Berichten interessiert waren und mit mir gereist sind. Freue mich schon auf unser Wiedersehen! 😉

  2. Sabine Sabine

    Ich bin mächtig stolz auf dich und auch glücklich dich wieder gesund und munter Zuhause zu wissen. Du weisst ja: Zuhause ist dort wo du dich wohl fühlst und geliebt wirst. Wir haben uns auf dich gefreut.
    Das was du gesehen und erlebt hast wird dir immer in Erinnerung bleiben und du kannst stolz darauf sein dir das auch alleine erarbeitet zu haben. Geld das wir selber mit unseren Händen verdienen gibt sich am schönsten aus:)
    Das du dir ein wenig von der Leichtigkeit auch hier in Deutschland weiterhin bewahren kannst wünsche ich dir von Herzen

    Mama

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