Reisealltag: Wenn Fremde zu Freunden werden

Viele Leute haben Angst davor alleine zu reisen. Verständlicherweise. Ich war mir zwar sicher, dass ich alle Situationen alleine meistern kann, vor dem Alleinsein hatte ich vor meiner Reise aber auch ziemlich viel Respekt. Der Tag heute hat mir einmal mehr gezeigt, dass diese Sorgen völlig unnötig sind.

Durch meine Mittelohrentzündung sind alle Unternehmungen ziemlich anstrengend: Der ständige Wechsel zwischen kühler und warmer Luft, die Lautstärke in der Stadt, die Gespräche auf Englisch … Nach einigen Stunden bin ich fix und fertig. Deshalb sind die anderen heute allein los gezogen und ich habe mir einen Tag zum Auskurieren im Hostel gegönnt.

Nachmittags wollte ich dann eigentlich nur ganz kurz raus gehen um etwas Essbares zu finden. Doch daraus wurde nichts: Denn ich landete im Restaurant am Tisch neben Toni.

Deutsch wie ich bin, habe ich zuerst mein Buch rausgeholt und bin etwas auf Abstand gegangen als er mich angesprochen hat. Doch diese typisch vorsichtige Abwehrhaltung war gar nicht nötig. Wir fanden schnell heraus, dass wir auf der selben Wellenlänge unterwegs waren.

Toni stellte sich mir vor, indem er auf seine Zehen zeigte und dann auf seine Knie. “Toe and knee: Toni! That’s my name!”. Und dieser Spruch war nur der Anfang eines riesigen Sprüche-Feuerwerks …

Wer jetzt allerdings denkt es folgt eine Kennenlernstory à la Hollywood, den muss ich leider enttäuschen: Toni ist 59 Jahre jung und fällt damit doch ein wenig aus meinem Beuteschema! 😉

Toni and me

Es war ungefähr 15:30 Uhr als ich mich auf den Weg zum Essen gemacht habe. Als ich das nächste mal auf die Uhr geguckt habe, war es 18:30 Uhr und die Sonne ging gerade unter. Toni und ich saßen immer noch auf den gemütlichen Holzstühlen vor dem Restaurant mitten an der Hauptstraße in George Town. Wir hatten uns festgequatscht.

Als Toni, ein gebürtiger Malaie, 18 Jahre alt war ist er nach Europa gezogen. Er hat als Schneider in der Schweiz, in Holland, in England und auch zwei Jahre in Deutschland gearbeitet. Immer wieder hat er zwischendurch deutsche Wörter rausgehauen, die ihm auch nach so vielen Jahren noch eingefallen sind: “arschkalt, “sau teuer”, “Fischbrötchen”, … Ich hab gar nicht mehr aufgehört zu lachen.

Toes and knees 2

Während wir stundenlang auf die Straße schauten und redeten, stellten wir einmal mehr fest wie klein die Welt ist: Toni hat 1975 im Hamburger Stadtteil Mundsburg gelebt. Genau dort habe ich 32 Jahre später am Theater gearbeitet.

Nachdem mein erster Drink, ein frischer Limonensaft, leer war, wollte Toni mir ein Bier spendieren. Ich lehnte ab. Er fragte daraufhin entsetzt: “Warum trinkst du nicht?”

Ich sagte: “Weil ich gerade Antibiotika nehme”. Tonis Reaktion: “Achso. Verstehe. Du bist krank. Dann solltest du wirklich kein Bier trinken. Du brauchst Wein!”

Mit vielen Diskussionen konnte ich den Alkohol an diesem Nachmittag doch noch von mir fern halten und auch die Rauch-Therapie, die Toni mir als mein selbst ernannter Hausarzt verordnen wollte. Glück gehabt.

Das Motto der Malaien heißt (laut Toni) übrigens: The more you drink, the more you live.

Leben, das konnte Toni. Er hat in seinem Leben nie geheiratet und ist mit dieser Entscheidung sehr glücklich, sagt er. Denn: “Warum soll ich die Milch kaufen wenn ich die ganze Kuh haben kann?”. Mit dieser Einstellung ist er schon früh angeeckt, hat er mir erzählt. Vor allem in Deutschland. Toni sagt, er habe gerne bei uns gelebt, bestätigt aber den Eindruck, den viele Ausländer von uns haben: So ein Moment wie zwischen ihm und mir heute würde in Deutschland nicht stattfinden. Deutsche seien viel zu beschäftigt, sagt Toni. Sie leben in ihrem eigenen Kreis, verbringen nur ungern mehr Zeit als nötig mit Fremden. Sie arbeiten viel und lange, kommen abends heim, essen und gönnen sich ihre Ruhe. Das war schon im Jahr 1975 so, sagt Toni.

Das ist natürlich nur seine subjektive Wahrnehmung und gilt sicherlich nicht generell für alle Deutschen. Aber ich gebe ihm Recht: Auch ich hätte in meinem früheren Leben in Deutschland nicht die Ruhe und die Intention gehabt, mich einfach mal drei Stunden mit einem Fremden zusammenzusetzen um über das Leben und die Welt zu philosophieren. Das ist einfachnicht unsere Art.

Ich habe diese neue Erfahrung trotzdem sehr genossen. Und sehr viel Energie aus diesem ganz besonderen Moment gezogen. Es war nicht der “SOS”, wie Toni es nennt: “same old shit”.

Danke dafür!

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