Wo ist eigentlich „Zuhause“?

© Jörn Rehder

Für Menschen wie mich ist „Zuhause“ oft ein Fremdwort. Wir sind Weltenbummler, rastlose Seelen oder im journalistischen Fachjargon noch schöner ausgedrückt: freiheitsliebende Fernweh-Fanatiker!

Auch wenn meine Eltern sich große Mühe geben mache ich mir noch keine Gedanken um meine Rente, wirtschaftliche Zukunftsängste kenne ich nicht, ich habe keinen Notgroschen für unsichere Zeiten auf dem Sparbuch (ich habe kein Sparbuch) und gebe mein Einkommen regelmäßig für neue Abenteuer aus. Wenn ich nicht dauerhaft im Ausland bin habe ich einen festen Wohnsitz, allerdings liegt dieser weit weg von all meinen anderen Familienmitgliedern und Menschen, die mir wichtig sind. Denn ich bin gern unterwegs und besuche meine Herzensmenschen wann immer ich kann.

Dieser unabhängige Lebensstil ist keine Flucht. Er macht mich glücklich! Allerdings setzt diese Lebensphilosophie zwei Dinge voraus: eine blühende Wirtschaft, die es mir ermöglicht jederzeit in Jobs ein- und auszusteigen, und offene Landesgrenzen.

Kein Problem, dachte ich bisher! Immerhin habe ich meinen Hauptwohnsitz in einer der stärksten Wirtschaftsnationen der Welt und wachse als Europäerin im 21. Jahrhundert in einer Demokratie auf, die es mir ermöglicht mich so frei wie kein anderer Mensch auf dieser Erde zu bewegen.

Das Jahr 2020 hat mich allerdings eines Besseren belehrt.

Corona bringt mich dazu meinen Lebensstil zu hinterfragen

Corona verändert den Alltag von uns allen. Jeder von uns steht vor bisher unbekannten Herausforderungen: Wie halte ich Kontakt zu pflegebedürftigen Angehörigen? Wie beschäftige ich meine Kinder? Wie zahle ich meine Miete? Gibt es meinen Arbeitsplatz bald noch? Wie bekommt mein Alltag jetzt Struktur? Wie beschäftige ich mich?

Bei mir begann alles bereits mit der Frage: Wo gehöre ich hin? Wo ist mein Zuhause? Denn trotz meines fortgeschrittenen Alters (haha) habe ich mir bisher keinen Lebensmittelpunkt geschaffen, in dem ich mich im Falle einer Pandemie zurückziehen könnte. Corona hat mich dazu gebracht, meinen heiß geliebten Lebensstil zu überdenken.

„Bitte bleiben Sie Zuhause!“

Diesen Satz erwarte ich eigentlich nur von Denzel Washington zu hören, während ich mit einer hässlichen 3D-Brille auf einem roten Sessel im Kinosaal sitze und Popcorn in mich rein stopfe. Doch auf einmal war ich gemeint, waren wir alle gemeint. Und gesprochen hat nicht Washington, sondern Berlin.

Doch wo ist eigentlich mein Zuhause? Laut Personalausweis in Hannover. Allerdings erst seit 9 Monaten, von denen ich mehr als ein halbes Jahr überwiegend krank in dieser für mich fremden Stadt auf der Couch in meiner tollen neuen Wohnung lag.

Corona? Also das passt mir jetzt zeitlich so gar nicht in den Kram!

Ich war gerade dabei mich endlich mal intensiv um meine Gesundheit, meinen Körper und meine Seele zu kümmern – als Corona kam. Völlig überraschend und zeitlich komplett unpassend. Aber wann kommt eine Pandemie schonmal passend? Also saß ich wieder auf meiner Couch. Immernoch gesundheitlich angeschlagen und seelisch noch verwirrter als vorher. Und ein anderes, unbekanntes Gefühl kam in mir hoch:

Ich habe Angst

Wir sollten alle viel ehrlicher sein und es hinausschreien. Ich mache heute mal den Anfang: Natürlich habe ich Angst. Ich mach mir in die Hose!! Vor allem immer dann, wenn ich die Tagesschau gesehen, den Live-Ticker gelesen oder dem Virologen Herrn Drosten im Podcast zugehört habe.

Angst ist ein völlig normaler Begleiter in dieser Zeit – auch wenn dieses Gefühl vor allem in unserer Gesellschaft oft unterdrückt wird und nicht gut angesehen ist. Angst wird oft mit Schwäche gleichgesetzt, was ich übrigens für völlig falsch halte. Zeigt mir einen Menschen auf dieser Welt, der jetzt im Moment keine Angst hat! Er lügt. Wir alle haben Angst vor dem unsichtbaren Virus, vor Krankheit, vor dem Verlust geliebter Personen, vor der Ungewissheit, vor unseren neuen, täglichen Herausforderungen und vor den Folgen der Corona-Pandemie. Und diese Angst verbindet uns!

Zusammen ist man weniger allein

Dieser typische Spruch aus dem Achtsamkeitskalender bei Oma auf dem Gästeklo hilft mir in dieser besonderen Zeit sehr oft weiter: der Gedanke daran, dass ich nicht allein bin. Ob dicht gedrängt mit mehreren Personen in einer viel zu kleinen Wohnung oder ohne jeglichen Anschluss in einer Junggesellenbude: Wir alle sind im Moment zusammen allein!

Wo ich hingehöre weiß ich zwar immernoch nicht aber ich weiß zumindest wo ich erstmal bleibe: Zuhause. Ich hoffe ihr auch!

Lasst euch nicht unterkriegen und bleibt gesund.

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